Köln, August 2026 – Männer mit Prostatakrebs sollten bei der Wahl ihrer Therapie nicht nur die Heilungschancen, sondern auch mögliche Auswirkungen auf ihre Lebensqualität berücksichtigen. Das gilt insbesondere für Patienten mit einem Niedrigrisiko-Prostatakarzinom. Eine aktuelle Studie zeigt: Bei Männern mit einem Niedrigrisiko-Tumor kann die aktive Überwachung (Active Surveillance) dazu beitragen, wichtige Funktionen wie Harnkontinenz und Sexualfunktion zu erhalten. Nach einer radikalen Prostatektomie kam es dagegen deutlich häufiger zu relevanten Einschränkungen – unabhängig davon, ob die Operation nervschonend durchgeführt wurde oder nicht. Die Ergebnisse sind jetzt im Fachjournal British Journal of Urology International (BJUI) veröffentlicht worden.
Die multizentrische Beobachtungsstudie wertete die Daten von 6.265 Männern mit Niedrigrisiko-Prostatakarzinom aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die Patienten entschieden sich entweder für eine aktive Überwachung, eine nervschonende oder nicht-nervschonende radikale Prostatektomie oder eine äußere Strahlentherapie. Die Lebensqualität und funktionellen Ergebnisse wurden vor Therapiebeginn sowie nach zwölf Monaten mithilfe standardisierter Fragebögen erfasst. Während die Werte unter aktiver Überwachung in allen untersuchten Bereichen weitgehend stabil blieben, zeigten sich nach radikaler Prostatektomie deutliche Einbußen: Nach nervschonender Operation sank der Wert für die Harnkontinenz um 18 Punkte und für die Sexualfunktion um 35 Punkte, nach nicht nervschonender Operation um 26 beziehungsweise 30 Punkte.
„Die Ergebnisse bestätigen, dass die aktive Überwachung für viele Männer mit einem Niedrigrisiko-Prostatakarzinom eine sehr gute Option darstellt. Gleichzeitig zeigt die Studie, wie wichtig es ist, die Lebensqualität bei der Therapieentscheidung mitzudenken“, erklärt Dr. Pedram Derakhshani, leitender Urologe im Westdeutschen Prostatazentrum in der KLINIK am RING, Köln. Bei der aktiven Überwachung wird der Tumor zunächst engmaschig kontrolliert. Regelmäßige Untersuchungen wie PSA-Kontrollen, Bildgebung und gegebenenfalls eine erneute Biopsie dienen dazu, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Erst wenn Hinweise auf ein Fortschreiten der Erkrankung auftreten, wird eine aktive Behandlung eingeleitet. „Leider werden noch immer viele Männer mit einem Niedrigrisiko-Prostatakarzinom zu schnell operiert und müssen anschließend mitunter erhebliche Einschränkungen der Harnkontinenz und Erektionsfähigkeit in Kauf nehmen“, so der Kölner Urologe.
Die aktive Überwachung ist jedoch nicht für jeden Patienten die passende Strategie. Während manche Männer mit der regelmäßigen Kontrolle des Tumors gut zurechtkommen, empfinden andere dies als psychische Belastung und bevorzugen trotz niedrigen Tumorrisikos eine aktive Behandlung. Gleichzeitig möchten sie mögliche Nebenwirkungen einer Operation vermeiden. Für diese Patienten stellt die Seedimplantation (LDR-Brachytherapie) eine effektive und zugleich besonders schonende Behandlungsoption dar.
Dabei werden kleinste Strahlenquellen (Seeds) direkt in die Prostata eingebracht. Die Seeds verbleiben dort über mehrere Monate und geben eine genau berechnete Strahlung gezielt an das Tumorgewebe ab. Dadurch kann der Tumor präzise behandelt werden, während umliegendes gesundes Gewebe, wie Harnblase, Enddarm oder Schließmuskel weitgehend geschont wird. Die Seed-Implantation ermöglicht bei vielen Patienten eine optimale Tumorheilung bei gleichzeitig gutem Erhalt der Lebensqualität. Da die Prostata bei dieser Form der inneren Bestrahlung nicht entfernt werden muss, ist das Risiko einer dauerhaften Harninkontinenz sehr gering. Auch die Erektionsfähigkeit kann im Vergleich zur radikalen Operation deutlich häufiger erhalten werden.
Das Westdeutsche Prostatazentrum empfiehlt Männern mit einem neu diagnostizierten Niedrigrisiko-Prostatakarzinom, sich ausführlich über alle leitliniengerechten Behandlungsmöglichkeiten beraten zu lassen. Neben der aktiven Überwachung sollten dabei auch schonende, organerhaltende Verfahren wie die Seed-Implantation berücksichtigt werden, um eine optimale Tumorheilung bei bestmöglicher Lebensqualität zu erreichen.

Herden J, et al.Functional outcomes after active surveillance, radical prostatectomy andradiotherapy in men with low-risk prostate cancer – results from the ProstateCancer Outcomes study. British Journal of Urology International(BJUI). 2026. DOI: 10.1111/bju.70167.